feel free & improvise: Portrait Asnat Y. Ricardo

Asnat Yael Ricardo

Tango der nächsten Generation

Mit Improvisation zu neuer Freiheit

Die Tänzerin und Lehrerin Asnat Yael Ricardo
Ein Portrait von Fabian Kasten

Die Israelin Asnat Yael Ricardo stellt den Tango auf den Kopf. Dann fügt sie den Lieblingstanz der Neo-Machos wieder zusammen, als sei nichts gewesen. Und alle sind begeistert. Ihr Rezept: Improvisation und Mut zur Freiheit, gemischt mit einer durchweg positiven Ausstrahlung und einer unermüdlichen Begeisterung für die sogenannte „Dinzel-Lehrmethode“. Die charismatische Vollblut-Tänzerin überzeugt auch skeptische Vertreter des starken Geschlechts von den Vorzügen ihrer Methode, die dem Paar ungeahnte Freiheiten der Improvisation zurückgibt. Dabei ist ihr Konzept sowohl einfach als auch genial: Mit simplen Übungen zeigt Asnat, wie jeder einfach das Improvisieren lernen kann, anstatt immer wieder die gleichen Schrittmuster zu wiederholen. Mit der „Dinzel-Methode“ haben Frauen und Männer die Chance, den Tango neu zu denken, zu fühlen und dabei neu zu entdecken.

Sechs Paare tanzen mit spielerischerLeichtigkeit. Alles sieht fast so aus wie ganz normaler Tango, aber nur fast. Wer bei diesem Workshop genauer hinschaut bemerkt, dass auch die Frauen – und das ist erstaunlich – Schrittkombinationen initiieren und die Bewegungsrichtung des Paares ändern. Fast unmerklich geschieht dies. Ich schaue mir ein Paar, das zunächst Salontango tanzt, genauer an. Nahezu unsichtbar von aussen stoppt er seinen Führungsimpuls, sie scheint das zu spüren und übernimmt das Kommando. Jetzt leitet si eine Drehung ein, aus der Frauenposition heraus, er versteht den Impuls und folgt ihrer Drehung. Dann führt sie noch eine Barrida und eine weitere Drehung, nimmt ihren Impuls sanft zurück und er spürt, dass er wieder an der Reihe ist. Er übernimmt die Führung und leitet die nächste Drehung ein, um dann einige Schritte zu gehen, einfachnur zu gehen. So geht das Wechselspiel hin
und her, bis zum nächsten Tango. „Es klappt“, scheint das breite Lächeln inihrem Gesicht zu verraten. Das gegenseitige Hin- und Her zwischen Führen und Geführt werden funktioniert. Nicht immer auf Anhieb, klar, denn die beiden haben diese neue Technik erst vor ein paar Stunden erlernt. Asnat Ricardo beobachtet ihre Münchner Schüler aufmerksam. Manchmal lächelt auch sie – wohlwollend, wenn sie sieht und spürt, dass die Technik und der Geist ihrer Methode begriffen wird.

Die Dinzel-Methode

Ein Erfolg für die junge Israelin, die erst vor vier Jahren Argentinien zu ihrer Wahlheimat gemacht hat. „Aus Liebe zum Tango und zu den Menschen dort“, wie sie selbst sagt. Sie unterrichtet nach der Dinzel-Methode, einer praktischen Tango-Lehrmethode mit einem fundierten theoretischen Unterbau. Nachzulesen ist diese in dem Lehr- und Arbeitsbuch „Tango – eine heftige Sehnsucht nach Freiheit“. Es beleuchtet vor allem anatomische und psychologische Aspekte von Mann und Frau beim Tango und ist eine analytische Bewegungsschule, die von Rodolfo und Gloria Dinzel, zwei erfahrenen argentinischen Tangolehrern niedergeschrieben wurde. Das Werk leistete auch Asnat wertvolle Hilfe beim Verständnis des Tango als Tanz, neben den Lehrstunden bei Rodolfo Dinzel. Für sie ist das Besondere an ihrem Tanzstil und dem System Dinzel, dass „dieser Stil den Improvisationsgeist aus den Pioniertagen des Tango wiederbelebt hat“. Nicht mehr und nicht weniger. ,Nach längerem Beobachten sehe auch ich diesen spielerischen Austausch zwischen Mann und Frau. Hier haben die Paare Spass miteinander, weil ein ständiger Wechsel von Bewegungsimpulsen das gemeinsame Tanzen bereichert – ein fast geheimnisvoll wirkendes Pingpong-Spiel zwischen den Geschlechtern. Für weniger geübte Zuschauer jedoch tanzen die Dinzel-Novizen unseres Münchner Workshops alle ganz klassischen Tango de Salon. Der Grund: Für das ungeschulte Auge bleibt das tänzerische Wechselspiel zwischen Mann und Frau meist gänzlich unsichtbar. De Fakto haben die Frauen auf dem Parkett durch den Wechsel der Führungsrolle jedoch mehr zu sagen, und die Männer hören zur Abwechslung auch mal zu.

Die Musik setzt ein und er macht den ersten Schritt. Er oder Sie? Ja genau, das ist jetzt die Frage, nachdem die Workshop-Teilnehmer einen ersten Eindruck von der Dinzel- Methode gewonnen haben. Asnat hat die Karten neu gemischt. Ab jetzt ist es reine Verhandlungssache, wer die Führung zuerst übernimmt. Und dennoch sieht Asnat ihre Art zu unterrichten als „ganz normal“ an. Die Basis ist wie immer, die Schrittmöglichkeiten bleiben die gleichen. Mit einem kleinen, aber vielleicht entscheidenden Unterschied: „Mit der Dinzel-Methode wird das Paar kreativer, und Mann und Frau treten in einen wirklichen Dialog.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Das, was schon im normalen Leben eher selten funktioniert, nämlich dass beide sich mit Worten sinnvoll verständigen, soll nun am Anfang des 21. Jahrhunderts plötzlich ohne Worte möglich sein?

Tango Schach

Zumindest verspricht der Einladungstext zu Asnats Workshop „mehr Improvisation zwischen Mann und Frau“.

Ein Baustein auf dem Weg dorthin ist eine praktische Übung mit Namen „Tango-Schach“, eine Art spielerischer Austausch von Bewegungsmöglichkeiten zu zweit. Dazu nimmt ein Paar Tanzhaltung ein, und einer der Tanzpartner macht zwei Schritte, ohne die Stellung des Anderen zu verändern. Dann wird gewechselt. Klaus ist ganz aus dem Häuschen bei dieser Übung, so habe er noch nie Tango getanzt. Lea hat gerade eine Saccada an seinem linken Bein initiiert, also mit ihrer rechten Wade sein Bein sanft nach hinten geschubst, so dass es mit einem Bogen um ihn herum flog. Jetzt ist er wieder an der Reihe, sich einen neuen Schritt auszudenken. So wechseln sich Mann und Frau ab bei einer Art Bewegungs-Schachspiel, das von außen eher lustig aussieht und zumindest optisch nicht viel mit dem eigentlichen Tangotanzen zu tun hat. Scheinbar, denn hinter dem harmlos aussehenden Spiel der Beine verbirgt sich die hohe Kunst des Argentischen Tango: die Improvisation.

Asnat erklärt, warum diese so wichtig ist: „Auf der Tanzfläche sehe ich oft Paare, die immer wieder roboterhaft die gleichen Schrittkombinationen runterrattern. Das geht fast automatisch. Viel spannender für beide ist es aber, zu improvisieren und auf die Schritte des anderen zu antworten, seinen Impuls aufzunehmen, weiterzuführen und den Partner reagieren zu lassen. Nur dann entsteht ein wahrer Bewegungs- Dialog zwischen Mann und Frau. Ihr werdet sehen“, ermuntert uns Asnat, „durch die abwechselnde Improvisation entsteht mit der Zeit ein völlig neues Gefühl der Freiheit.“

Doch vor der Freiheit kommen zunächst einmal Fragen auf: Welche Schritte darf ich als Frau machen? Soll ich auch die Initiative ergreifen? Und der Mann? Welche Schritte sind überhaupt möglich, ohne den anderen zu bewegen? Theoretisch erscheint die Übung zunächst ziemlich komplex, in der Praxis wird das Ganze schnell zu einem amüsanten Spiel, bei dem immer etwas Neues geschieht. Für viele Frauen im Kurs ist das eigenständige Improvisieren ohne den Impuls des Mannes zunächst völliges Neuland. Doch insgesamt überwiegt die Neugier und der Spass an der gewonnenen Freiheit.

Eine neue Freiheit

Freiheit“ ist ein Wort, dass Asnat Yael Ricardo sehr oft verwendet. Ihre eMails enden oft mit der Aufforderung „feel free!“. Aber auch während ihres Unterrichts betont sie die Rolle der Freiheit, durch die der Tango eine neue Qualität bekommen soll. „Nur wenn beide Tanzpartner im Dialog frei entscheiden können, wohin sie gehen, dann erreicht der Tango eine neue Dimension. Richtig eingesetzt lässt diese Technik das grundsätzliche Wesen des Tango unangetastet. Mit dem einzigen Unterschied, dass auch die Frau jetzt auch mal Impulsgeber sein kann.“

So wahnsinnig neu ist die Dinzel-Methode eigentlich gar nicht. Entwickelt wurde sie in den achtziger Jahren von dem argentinischen Lehrerpaar Gloria und Rodolfo Dinzel. Zu jener Zeit hatte das Paar seinen internationalen Durchbruch gefeiert, mit dem Welterfolg „Tango Argentino“, „der Mutter“ aller Tangoshows. Nach einer längeren Tournee durch Europa und die USA und nach vielen Jahren des Unterrichtens haben die Dinzels ihre Erfahrungen aufgeschrieben. 1999 ist „Tango – eine heftige Sehnsucht nach Freiheit“ auch auf Deutsch erschienen. Ob die Dinzels den Tango mit ihrer Methode langfristig revolutionieren werden ist eine spannende und noch offene Frage. Das hängt vor allem von der Experimentierfreude, dem Pioniergeist und dem sich ständig wandelnden Rollenverständnis künftiger Tango-Generationen ab. Auf jeden Fall haben die Dinzels sowie Asnat Yael Ricardo einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dem Tango zu einem neuen, zeitgemäßen Image zu verhelfen. Einem Image, das dem Rollenverständnis von Männern und Frauen des 21. Jahrhunderts näher kommt als die altbekannten Klischees, die noch von Carlos Gardel und Rodolfo Valentino in Buenos Aires und im Hollywood der vierziger Jahre geprägt wurden.


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